Mittwoch, 4. Juni 2014

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Das ungehorsame Blatt (Ein Märchen für Erwachsene)

Es hing schon lange. Wäre es eine Frucht gewesen, hätte es schon überreif auf den Boden fallen müssen. Aber es hing nicht von ihm ab, noch immer dort zu hängen. Der Baum hielt es fest, wollte es nicht loslassen.
„Wo willst du hin?“ fragte er seinen kleinen Sprössling.
„Es ist richtig, ich hänge hier sehr hoch und sehe sehr viel. Aber was ist dahinter, hinter dem Horizont?“ erwiderte das Blatt.
„Warum interessiert dich das? Warum fragst du nicht die Wolken, oder die Vögel, die neben dir auf dem Ast sitzen?“ kritisierten es die anderen Blätter.
„Ich will meine eigenen Erfahrungen sammeln, alles mit meinen Sinnen fassen!“
Auch die umstehenden Bäume und deren Blätter sahen dieses Blatt mit misstrauischen Augen an. Es gefiel ihnen nicht, dass jemand anders dachte und etwas anderes wollte, als sie.
„Wie kann man nur so eigensinnig und unsozial sein“ dachten sie bei sich.
Das Blatt fühlte sich manchmal einsam und unverstanden. Was hatte es getan? War es eine Sünde gewesen, ein bisschen zu träumen, die Sinne den Vögeln nachzuschicken und ……….?
Da hing es nun, es hing nur noch, es hielt sich nicht mehr fest, es wurde gehalten. Gehalten von dem Baum, der es nicht gehen lassen wollte. Und da kam ihm der Wind zu Hilfe. Dieses himmlische Kind blies mehrmals stark in den Baum. Der Baum stöhnte, weil er keines seiner lieben Kinder verlieren wollte. Die Blätter schrien, weil sie Angst hatten. Angst vor dem Unbekannten. Nur das kleine ungehorsame Blatt freute sich, rüttelte an der eisernen Hand, die es nicht loslassen wollte. Und plötzlich flog es in der Luft, es war frei. Es genoss die Schwerlosigkeit. Der Wind spielte mit ihm, blies es hierhin und dorthin. Und das Blatt flog hinauf und hinauf.
Es hörte die anderen hohen Stimmen der Blätter vor Schreck schreien und die tiefen Stimmen der Bäume ihm böse nachrufen. „Was willst du, was machst du?“
Aber das Blatt wollte sie nicht mehr hören. Es flog und war frei. Dann wurde der Wind stiller und leiser und hörte langsam ganz auf, zu wehen. Das Blatt sank langsam tiefer und tiefer. Es war ganz weit weg von seinem Baum, aber da standen andere Bäume.
 „Woher kommst du? Wohin fliegst du? Warum hast du deinen Baum verlassen? Warum hast du deine Sicherheit verlassen?“
Zum Glück hörte unser Blatt die letzte Frage nicht, sonst hätte es sich bestimmt gefragt, ob den alle Bäume und Blätter überall gleich sind.
Es fiel in einen kleinen Bach, in dem schon andere Blätter auf den Wellen tanzten. Sie spielten zusammen „Such mich“, „Ringelreihen“ und noch vieles mehr. Jetzt, da es ein paar Reisegefährten gefunden hatte, die genauso dachten, wie es selbst, genoss es das Abenteuer nur noch mehr. Sie schwammen zusammen, tanzten, trennten sich wieder, lernten neue Freunde kennen, sahen wunderbare Landschaften, der Bach wurde immer breiter, wurde zum Fluss und kam schließlich ans Meer. Wie wunderbar das Leben ist, dachte das Blatt.
Dann war der Sommer zu Ende. Das Blatt wurde an das Ufer gespült, grub sich in die Erde, um im nächsten Jahr als kleiner Baumsprössling der Sonne entgegenzulächeln.
Wir wollen hoffen, dass unser Blatt etwas gelernt hat und einmal seinen eigenen Blättern nicht erzählen wird, dass das Leben gefährlich ist.

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